von Sebastian Weber

Schülerinnen und Schüler zum Lesen zu motivieren wird in allen Schulformen und Klassenstufen zunehmend schwieriger. Literarische Texte und ihre Themenstellungen, allen voran die scheinbar zeitlich leicht entrückten Klassiker, erschweren jungen Leserinnen und Lesern den inhaltlichen Zugang und Kolleginnen und Kollegen eine konstruktive Vermittlung. Beflügelt wird die Lesemotivation dagegen, wenn die Thematik der Texte die jungen Leser tatsächlich berührt, sie diese als aktuell oder spannend wahrnehmen.

Wie ergiebig und fesselnd sich Fakten und Fiktion miteinander in Beziehung setzen lassen, zeigt der Titel Im Meer schwimmen Krokodile, denn aktueller kann Literatur kaum sein: Erzählt wird die wahre Geschichte des Afghanen Enaiat Akbari, der als Kind seine Heimat verlässt, um sich allein bis nach Europa durchzuschlagen. Um ihm das Leben zu retten, schmuggelt ihn seine Mutter außer Landes und lässt ihn dort allein zurück. Nichts bleibt ihm – nur die Flucht in die Freiheit und eine hoffentlich bessere Zukunft im Westen. Der Text beschreibt Enaiats mehrere Jahre dauernde Reise durch sechs Länder, zeigt eine zerrissene Biografie, die durch Krieg, Flucht, Emigration und schließlich den Neubeginn geprägt ist.

Die Geschichte, die der Autor Fabio Geda erzählt, ist wahr, beschreibt ein tatsächliches Geschehen. Die Fakten verleihen dem literarischen Text ein hohes Maß an Authentizität. Dieser Wirklichkeitsbezug wird vor der Folie der konkreten tagespolitischen Entwicklungen der großen Flüchtlingsbewegung seit dem Sommer 2015 nochmals potenziert: Die Lektüre liest sich fast als eine Art Untertitel oder Subtext zu den tagtäglichen Nachrichtensendungen. Was dort nüchtern und abstrakt berichtet und verhandelt wird, wird in der literarischen Umsetzung zur Beschreibung eines menschlichen Schicksals, der sich Leserinnen und Leser kaum entziehen können. Durch diese Gestaltung bekommen die sachlichen Nachrichten ein menschliches Gesicht. Geda lässt die Leser auf einfühlsame Art eines der zigtausend anonymen Flüchtlingsschicksale miterleben. Die Geschichte fordert von Schülerinnen und Schülern Anteilnahme und Empathie ein. Sie können sich der abenteuerlichen und berührenden Geschichte nicht entziehen, sind förmlich gezwungen, hierzu eine Position zu beziehen, einen Standpunkt einzunehmen. Aber über die meisterhaft gestaltete emotionale Ebene hinaus weist Geda auch auf die politischen Missstände hin, die Ursache für die Völkerwanderungen sind: Die Mechanismen der illegalen Einwanderung, die Funktion der Schmuggler, die das Elend der Menschen zu einem Geschäft machen. Er zeigt auch die Grauzonen, in denen sich die Flüchtlinge mitunter bewegen oder wie deren Notsituation als illegale Arbeitskräfte von Unternehmern ausgenutzt werden. Der Text lässt die Grausamkeit und Ungerechtigkeit erkennen, der vor allem auch Kinder und Jugendliche schutzlos ausgesetzt werden.

Im Meer schwimmen Krokodile macht im Deutschunterricht Funktion und Wirkung von Literatur auf eindringliche Art anschaulich und erlebbar: Die Entwicklungs- und Abenteuergeschichte Enaiats gibt der nüchternen Tagesschau-Meldung ein Gesicht, sensibilisiert und weckt Empathie. Gedas literarischer Text formuliert damit zugleich einen deutlichen Appell, sich mit dem Schicksal der Opfer auseinanderzusetzen. Er stellt gesellschaftliche Fragen, auf die Jugendliche Antworten suchen müssen – die erste Voraussetzung für eine Veränderung der Welt.

Die Lektürereihe Zoom – näher dran stellt die Nähe zur Lebenswirklichkeit und zu einer jungen Zielgruppe bewusst in den Fokus. Nähere Informationen zur Reihe erhalten Sie unter www.klett-sprachen.de/zoom

Fabio Geda
Im Meer schwimmen Krokodile
Eine wahre Geschichte
152 Seiten
978-3-12-666918-4