von Sebastian Weber, Redaktionsleitung Deutsch

Das ist nicht wirklich neu: Schülerinnen und Schüler zum Lesen zu motivieren fällt leichter, wenn Texte direkte Anknüpfungspunkte an Personen oder Ereignisse bieten, für die sie sich unmittelbar begeistern können. Umso schwieriger ist es, die entsprechende Lektüre zu finden, mit der sich darüber hinaus relevante Themen ins Unterrichtsgespräch einbringen lassen. „Die Brüder Boateng“ bietet hierfür ein gelungenes Beispiel.

Der Text ist eine Mischung aus Reportage und klassischer Biografie, geschrieben vom bekannten Sportredakteur Michael Horeni. Thematisiert werden die Lebensläufe der drei Boateng-Brüder George, Kevin-Prince und Jérôme. Sie haben einen Vater aus Ghana, zwei deutsche Mütter und erleb(t)en drei sehr unterschiedliche Berufskarrieren.

Fußballsport – ein Foul und die Folgen

Kevin Boatengs berühmtes Ballack-Foul im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2010 liefert den Aufhänger für Horenis Erzählen. Spannungsgeladen berichtet er von den Folgen: Dem Ausscheiden Ballacks, der Verteufelung Kevins in den Medien, dem legendären Erfolg der jüngsten Weltmeister-Mannschaft aller Zeiten. Doch Horeni bietet auch einen Blick hinter die Kulissen des Leistungssports und die oft zweifelhafte Jugendarbeit der Vereine, die die Jugendlichen in ihrer persönlichen Entwicklung außer Acht und mit Misserfolgen allein lässt.

Zwischen Wedding und Wilmersdorf – eine deutsche Familiengeschichte

Der größte Teil des Textes erzählt von der Kindheit der Brüder – von ihren Gemeinsamkeiten, aber vor allem auch den Unterschieden. In Berlin wohnen Kevin und George nur wenige Kilometer von Jérôme entfernt. Doch alle leben in sozial unterschiedlichen Welten und haben zunächst keinen Kontakt zueinander. Auf berührende Weise erzählt Horeni, wie George schließlich die Initiative ergreift, um den verlorenen Bruder zu finden und wie die drei darum kämpfen, ihre familiäre Bindung gegen viele Widerstände leben zu können. Thematisiert werden auch die ungleichen Startchancen und die Schwierigkeit, den eigenen Weg aus diesen Welten zu finden.

Migration, Integration und die Macht der Medien

Diskriminierung aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe erfahren alle drei Brüder auf brutalste Weise. Der Text erzählt eindrücklich von den schmerzhaften Jahren vor dem großen Erfolg von Kevin und Jérôme. Er konterkariert die schwierigen Jugendjahre mit dem Triumph der jungen deutschen Weltmeistermannschaft – in der 11 von 23 Spielern einen Migrationshintergrund hatten. Nach dem Sieg wurde das Team von den Medien als deutsche (Inter)Nationalmannschaft gefeiert, als Beispiel für eine gelungene Integration. Horenis Buch stellt auch hierzu kritische Fragen, die für die Gesellschaft aktueller sind denn je – auch und gerade im Unterricht.

Ein Text – viele Themenfelder

„Die Brüder Boateng“ spricht alle Schüler an. Denn neben der bekannten Fußballgeschichte erzählt Horeni vor allem von drei Kindern, Jugendlichen und Erfahrungen, die viele selbst oder aus ihrem unmittelbaren Umfeld kennen: Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen, die aufgrund Ihrer Hautfarbe diskriminiert werden oder Kinder, die eine schmerzhafte Scheidung erlebt haben. Nicht zuletzt thematisiert der Text die manipulative Wirkung der medialen Berichterstattung. Horeni selbst verzichtet auf ein eindeutiges Urteil, lässt dafür aber andere Personen zu Wort kommen: Mitspieler, Verwandte, Freunde, Journalisten und Lehrer. Der Text fordert die Schülerinnen und Schüler dazu auf, Ursache-Wirkung-Zusammenhänge zu erkennen, eigene Erfahrungen zu reflektieren und sich selbst ein Urteil zu bilden.

Michael Horeni
Die Brüder Boateng
192 Seiten
978-3-12-666905-4