von Debby Böhm (Verlagsredakteurin, Vorlesepatin und Lesementorin)

Emotionales Lesen erlauben und produktive Fantasie wertschätzen

Neulich bei uns daheim

Vor einiger Zeit kamen Mann und Kinder, wie immer schwer beladen, aus der Stadtbücherei zurück. Eines der ausgeliehenen Bilderbücher war „Bob, der Streuner“. Immer wieder ‚las‘ meine kleine Tochter (4) mit meinem Mann ganz fasziniert die Geschichte von Bob, dem Kater und wie er dem arbeitslosen Ex-Junkie James wieder auf die Beine half. Zunächst war sie von dieser Geschichte nur sehr gerührt und traurig, entwickelte dann aber den Wunsch die Geschichte weiterzuspinnen: Wie war es wohl früher mit den beiden, als James noch ein Kind war…?

Nun wäre es wichtig zu wissen, dass ich mit einem wunderbar kreativen Mann gesegnet bin, der nicht nur ‘Ja, ja.’ sagte, sondern sie gleich bat, die Geschichte zu erzählen, diese notierte und dann mit ihr (sowie Bruders Ukulele und dem Familienkater) loszog und passende Bilder zur „Geschichte“ machte:

Bob, der Kater –
James, als er noch klein war
Bob der Kater wohnt mit James zusammen.
Sie verbringen Zeit.
Sie machen viele Spaziergänge.
Sie bleiben immer dicht beieinander.
Sie passen gut auf sich beide auf.
Sie erleben viel.
Ende.

Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass der Geschichte ein Spannungsbogen fehlt, es etliche Abweichungen und logische Brüche gibt. Wieso bleibt Bob ein ausgewachsener und zudem übergewichtiger Kater, wenn James doch jünger wird? Warum ist Bob auf einmal schwarz-weiß und nicht rot? Aber all das stört zum Glück ein Kind nicht: Wenn es Raum hat, Ideen zu entwickeln und auszuleben, kann Großes entstehen.

Über mehrere Wochen ahnte ich nichts von diesem ‚Projekt’. Ich hatte mich wohl mal darüber aufgeregt, dass die Ukulele im Flur herumlag – little did I know…

An meinem Geburtstag bekam ich ein wunderschönes Bilderbüchlein (inkl. CD mit ‚James‘ Musik), das mich zu Tränen rührte. Nicht nur die Tochter war sichtlich stolz auf dieses tolle Geschenk.

Demnächst in der Schule

Aber was hat diese Geschichte mit dem Lesen im Unterricht zu tun? Als Idealisten, die wir sind, sind wir einfach davon überzeugt, dass Lesen gut tut, (meistens) gesund ist und dass es anregen kann, Potentiale zu entfalten, neue Dinge zu lernen und schlicht und ergreifend hilft, das Leben zu meistern. Leider schaffen wir es nicht immer, dieser Überzeugung zu folgen: nicht etwa aus Nachlässigkeit, mangelnder Kreativität oder fehlendem Interesse, sondern eher weil unter den oftmals schwierigen Rahmenbedingungen im Schulalltag oft zu wenig Zeit und Raum bleiben, die unsere Schülerinnen und Schüler bräuchten, um ihre Kreativität ausleben zu können.

  • Wie schön wäre es, wir könnten allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit schenken, grenzenlos kreativ zu werden.
  • Nutzen wir doch den Lektüreunterricht dazu, produktive Fantasie zu fördern.
  • Wertschätzen wir auch den Output, den wir so nicht erwartet hätten.
  • Schenken wir der emotionalen Auseinandersetzung mit jedem Buch die Beachtung, die sie verdient.

Vielleicht könnte dies (wenn man in den Phasen der Lesesozialisation denkt) sogar der Lesepubertät vorbeugen. „Schließlich geht es beim Lesenkönnen nicht nur um den Erwerb von technischen Fertigkeiten und Wissenserwerb, sondern auch darum, Kreativität und Fantasie zu beflügeln.“ So kann aus einer Lektüreeinheit eine echte „Lesen fürs Leben“-Erfahrung werden.

Bob – No Ordinary Cat
164 Seiten
978-3-12-578115-3

Bob – No Ordinary Cat
Teacher’s Guide
prall gefüllt mit originellen Unterrichtsideen
978-3-12-578116-0