Deutsch, Literatur im Unterricht

Schreiben wie Goethe oder Mann

von Tina Rausch

Ganz nah am Original

Wenn Hans Castorp im Schnee die Jackentaschen nach seinem Smartphone abtastet oder Madame Chauchat im Salon ihre Clutch nach einem Bleistift durchwühlt, ist der Projekttag geglückt: „Schreib wie Thomas Mann!“, lautete der Auftrag an eine Klasse der Sekundarstufe II. Ausgerechnet Thomas Mann – geht es nicht ein bisschen kleiner?

Doch schon, aber es muss ja auch nicht ein kompletter Roman des Großschriftstellers sein: In einer Ausstellung des Literaturhauses München beschäftigten sich die Schüler/-innen mit den Inhalten des Zauberbergs. Vorab hatten sie lediglich den Romanbeginn gelesen. Nach der Ausstellung durfte dann jede/r einen von vier abrupt endenden Kapitelauszügen auswählen, aufmerksam durchlesen – und in möglichst ähnlicher Diktion fortschreiben. Die so entstandenen Texte wurden unter die Originale gemischt und nacheinander vorgelesen. Im Anschluss versuchte die Klasse zu erraten, welche Version von Thomas Mann stammte.

Kreativität und Leselust fördern

Nicht immer war es offensichtlich und dass selbst Lehrkräfte ab und an auf Texte von Schüler/-innen tippten, sorgte für Erheiterung – und Stolz. So viel Kreativität, Lese- und Schreiblust und, ja, Talent hätte sie in ihrer Klasse gar nicht vermutet, gestand so manche Lehrkraft in der Abschlussrunde … Zugegeben: Wer Kinder und Jugendliche außerhalb der Schule für Literatur begeistern möchte, ist klar im Vorteil. Eine ungewohnte (Lern-)Umgebung macht im besten Falle genauso neugierig wie die Abwechslung zum durchgetakteten Schulalltag. Dass die Inhalte (erst mal) kein Prüfungsstoff sind, trägt zur weiteren Entspannung bei. Optimale Bedingungen also, sich großen Werken fernab von Leistungsoder Notendruck spielerisch anzunähern. Zu der oben beschriebenen Methode inspirierte das von Berliner Autor/-innen initiierte und 2016 im gleichnamigen Buch dokumentierte Schreibprojekt Mimikry. Der Auftrag, den Verfasser eines bekannten Romans zu imitieren, erfordert exaktes Lesen. Dies schult den Blick auf sprachliche Finessen und weckt bei vielen Jugendlichen immensen Ehrgeiz. Ein sich in den Text verirrtes Smartphone ist weniger als Ausrutscher zu sehen. Vielmehr spricht es für die Fähigkeit, sich mit fremden und eigenen Texten ebenso lebendig wie originell auseinanderzusetzen – eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Medienkompetenz. Dass sich Elemente aus der aktuellen Lebenswelt der Jugendlichen kurzerhand in den Roman integrieren ließen, belegt zudem dessen Universalität – und die regelmäßig auftauchende Frage, ob man den Roman in der Ausstellung später noch kaufen könne, zeigte, dass der Projekttag neben dem spielerischen Moment bei einigen auch die Neugier auf den kompletten Zauberberg geweckt hat.

Leben und Leiden mit Werther

Nun lässt sich keine Literaturausstellung ins Klassenzimmer verpflanzen, kreative Schreibspiele aber durchaus: Johann Wolfgang Goethes Die Leiden des jungen Werthers aus der „Klassiker trifft Comic“-Reihe erlaubt dank des vorangestellten Comics einen direkten Einstieg in den Grundkonflikt des Briefromans – und die Ich- Erzählweise ein hohes Identifikationspotenzial. Während der Comic mittels fünf integrierter Fragen bereits alternative Handlungsverläufe aufzeigt, bieten von den Schüler/-innen aus Werthers Perspektive fortgeschriebene Briefe zudem eine intensivere Auseinandersetzung mit dessen Leiden sowie eine detaillierte Untersuchung von Goethes Schreibstil und der Machart seines Werks. Wenn es dann noch gilt, in einer (Vor-)Leserunde den Originaltext auszumachen, erscheint solch ein Klassiker gar nicht mehr dröge. Auch mit den Illustrationen lässt sich spielen: Eine Vorlage mit leeren Sprechblasen fordert die Schüler/-innen zu Beginn heraus, sich die Geschichte selbst zusammenzureimen – gerne auch in ihrer eigenen (Alltags-)Sprache. Sie möchten lieber das Spiel Mimikry ausprobieren? Dann vervollständigen Sie doch einfach mal den folgenden Gedanken aus Goethes Werther: „Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass …“

Klassiker trifft Comic
Johann Wolfgang Goethe
Die Leiden des jungen Werthers
180 Seiten
978-3-12-666790-6

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