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Gegen Vorurteile anlesen

von Tina Rausch

Eine knappe Definition

Die vielleicht kürzeste Definition des Vorurteils formulierte Gordon W. Allport: „Von anderen ohne ausreichende Begründung schlecht denken.“ Mit seinem Buch „The Nature of Prejudice“ schuf der USamerikanische Psychologe im Jahre 1954 die Basis für die moderne Vorurteilsforschung.

Zwei wesentliche Elemente lassen sich in seiner Begriffsbestimmung ausmachen: die Unbegründetheit des Urteils sowie der beteiligte Gefühlston der jeweiligen Person. Doch welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Literatur? Hilft Lesen, Vorurteile abzubauen? Oder können andersherum Romane bestimmte Ressentiments auch verstärken?

Wer hat’s geschrieben?

Beginnen wir mit einem kleinen Literatur-Quiz: „Dem falschen Griechen, dem schachernden, sittenlosen Armenier, dem rachsüchtigen Araber, dem trägen Türken, dem heuchlerischen Perser und dem raubsüchtigen Kurden gegenüber musste ich den fälschlicherweise so übel beleumundeten ,Teufelsanbeter‘ achten lernen.“

Starker Tobak – von wem könnten diese Zeilen stammen? Und von wann? Ein kleiner Tipp: Es handelt sich um einen der meistgelesenen deutschen Autoren aller Zeiten. Als sich dessen Todestag 2012 zum hundertsten Mal jährte, kam die Diskussion auf, ob seine Romane nicht doch in die aktuellen Lehrpläne gehörten. Schülerinnen und Schüler – und nicht zu vergessen: die Lehrkräfte – wären dann im Unterricht mit in Literatur verpackten Aussagen wie diesen konfrontiert:

„Der Islam gleicht der Wüste, in welcher es nur hier und da einen Brunnen gibt, der schlechtes Wasser hat, das Christentum aber einem schönen Lande mit mächtigen Bergen, auf deren Höhen Glocken erklingen, und schönen Tälern, in denen Ströme fließen, welche Wälder und Felder und Gärten nähren …“

Klingelt es nun schon bei Ihnen? Beide Auszüge stammen aus Karl Mays „Orientzyklus“, erstmals erschienen zwischen 1881 und 1888 und bis heute eine weithin geschätzte Reise- und Abenteuerromanserie. Im ersten Zitat rehabilitiert der deutsche Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi die bis heute als „Teufelsanbeter“ diffamierte religiöse Minderheit der Jesiden, indem er andere Völker abwertet. Im zweiten vergleicht der von Karl May recht einfältig gezeichnete Hadschi Halef Omar Islam und Christentum. Wie die Passage erahnen lässt, überzeugt Kara Ben Nemsi im Laufe der Handlung seinen türkischen Diener und Weggefährten von der Überlegenheit seiner eigenen christlichen Religion.

Bilder kritisch hinterfragen

Diese beiden rassistischen bzw. islamfeindlichen Auszüge sind keineswegs Ausnahmen im „Orientzyklus“. Vielmehr fungiert eine gewisse Islamfeindlichkeit darin beinahe schon als Leitmotiv. Das zeigt exemplarisch, wie wichtig es ist, Lektüren bewusst auszuwählen. Denn ob Karl May, Daniel Defoes „Robinson Crusoe“, „Grimms Märchen“ oder auch Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“- Trilogie: In nicht wenigen berühmten und beliebten Werken der Weltliteratur werden Stereotype und Vorurteile gegenüber Minderheiten oder Fremden auf eine Art und Weise transportiert, die heute undenkbar ist.

Durchaus denkbar ist es, Bücher wie diese im Unterricht zu behandeln. Doch dann gilt es, bereits bei der Vorbereitung genau hinzusehen, die im Text gezeichneten Bilder kritisch zu hinterfragen und mit den Schüler/-innen zu thematisieren. Wichtig ist, sie sowohl im Kontext ihrer Entstehung zu lesen, als auch zu überlegen, was das für uns heute bedeutet. Auch Literatur hat eine Halbwertszeit – erinnert sei nur an die Diskussion um einst übliche Begriffe in Kinder- und Jugendbüchern, die heute als diskriminierend und nicht mehr politisch korrekt gelten.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

Dabei sind Stereotype, Vorurteile und abwertende Ausdrücke nicht allein älteren Werken vorbehalten. Sie lassen sich ebenso in aktueller Kinder- und Jugendliteratur, in Graphic Novels, Comics oder auch in TV-Serien finden. Manchmal werden sie gezielt eingesetzt – um einzelne Figuren lächerlich zu machen beispielsweise oder auch als Running Gag. Und manchmal passiert es ungewollt: Dann bedienen sich Schriftsteller/-innen, die mit ihren Geschichten über Vorurteile aufklären wollen, unabsichtlich unreflektierter Bilder und manifestieren so in den Köpfen ihrer Leser/-innen letztlich genau das, wogegen sie ursprünglich anschreiben wollten.

Früh erworbene Ressentiments

„Vorurteile werden früh erlernt und eingeübt“, sagt Wolfgang Benz. Der Historiker und ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin gab 2010 den Sammelband „Vorurteile in der Kinder- und Jugendliteratur“ heraus, in dem sich auch eine Abhandlung von Yasemin Shooman über das Orientbild bei Karl May findet. Im Vorwort betont Benz, dass neben Familie und Milieu ebenso Lektüren die Wahrnehmung junger Menschen von Gruppen und Minderheiten beeinflussen können. „Früh erworbene Ressentiments bleiben besonders wirksam und prägen nachhaltig das Weltbild vieler Erwachsener. Die Folgen – Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt – bestimmen das Klima der Mehrheitsgesellschaft und die Lebensqualität von ethnischen, sozialen oder sexuellen Minderheiten.“ Die gute Nachricht ist: Das Ganze lässt sich positiv wenden. So wie Familie, Freunde, soziales Umfeld und Literatur unter Umständen Vorurteile evozieren, können alle diese Faktoren auch zu deren Abbau beitragen. Einen wirksamen Effekt im Zwischenmenschlichen beschreibt die ebenfalls von Gordon W. Allport entwickelte Kontakthypothese, der zufolge häufiger Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen die Vorurteile gegenüber diesen Gruppen reduziert. Zugegeben: Empathie in realen Situationen mag sich von der im imaginären Raum – also beim Lesen – unterscheiden. Und dennoch lassen sich aktuelle Ergebnisse aus der Leseforschung durchaus im Sinne der Kontakthypothese deuten.

Aktuelles aus der Leseforschung

Für seinen 2016 veröffentlichten Aufsatz „Fiction: Simulation of Social Worlds“ wertete Keith Oatley verschiedene internationale Studien zur Bedeutung von fiktionalen Lektüren aus. Wer Romane lese, so das Resümee des australischen Kognitionspsychologen, verfüge über eine umfassendere Allgemeinbildung und könne sich besser ausdrücken. Vor allem aber steige auch die Fähigkeit zur Empathie nachweislich – und Vorurteile würden reduziert.

Erste Erkenntnisse durch einen Roman

Einen konkreten Beleg für diese These liefert Heidi Benneckenstein in ihrer Autobiografie Ein deutsches Mädchen (ISBN 978-3-12-666919-1). Benneckenstein wurde von ihrem gewalttätigen, nazitreuen Vater völkisch erzogen und nahm an Ferienlagern vom „Bund Heimattreuer Jugend“ teil. Als Zwölfjährige las sie den Jugendroman Ein Haus für alle von Ursula Wölfel über Euthanasie im Nationalsozialismus – und erinnert sich bis heute daran, wie ihr erstmals bewusst wurde, dass es in der „hochgelobten deutschen Volksgemeinschaft, von der mein Vater so schwärmte, offenbar Menschen gab, für die kein Platz war, die man mied, ausgrenzte, beseitigte“.

„Großartige Bücher helfen uns zu verstehen, und sie helfen uns, uns verstanden zu fühlen“, sagt der US-amerikanische Jugendbuchbestsellerautor John Green. Bewusst ausgewählte großartige Bücher helfen zudem, Vorurteilen gezielt entgegenzutreten.

Unsere Empfehlung für weitere Titel, die sich mit dem Thema „Vorurteile“ auseinandersetzen

Lena Gorelik
Lieber Mischa
152 Seiten
978-3-12-666907-8

Florian David Fitz
vincent will meer
144 Seiten
978-3-12-666909-2

Andrea Hanna Hünniger
Meine Jugend nach der Mauer
144 Seiten
978-3-12-666903-0

Alina Bronsky
Scherbenpark
189 Seiten
978-3-12-666913-9

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