Französisch, Literatur im Unterricht

Petit pays – Gaël Fayes ersten Roman im Unterricht behandeln

Ein Interview mit Ulrike C. Lange und Christine Wender

Gabriel lebt in einem Pariser Vorort, weit weg von seiner Heimat und der unbeschwerten Kindheit in Bujumbura, der Hauptstadt Burundis. In seiner Erinnerung lässt er diese verlorene Welt wieder aufleben: Düfte und Gefühle seiner Kindheit, als er mit Freunden Mangos von den Bäumen klaute, im Fluss badete und die Bücher aus der Bibliothek der Nachbarin las – eine behütete Kindheit, die jäh beendet wird: Erst trennen sich Gabriels Eltern, dann wird sein kleines Land vom Bürgerkrieg überrollt. Für ihn bleibt nur noch die Flucht nach Frankreich …

Die annotierte Originalausgabe von Gaël Fayes erstem Roman Petit pays ist seit November 2017 bei Ernst Klett Sprachen erhältlich (ISBN 978-3-12-597371-8). Die Lehrerhandreichung erscheint im Oktober (ISBN 978-3-12-597372-5), ein Grund für die Redaktion unseres Magazins Lesen fürs Leben (LFL) die beiden Autorinnen Ulrike C. Lange (UCL) und Christine Wender (CW) zu treffen.

LFL: Petit pays hat in Frankreich u.a. dank des Prix Goncourt des lycéens 2016 sehr viel Aufmerksamkeit bekommen und wurde seitdem in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Wie haben Sie den Roman Petit pays entdeckt?

UCL: Zu Weihnachten 2016 hat meine Tochter das Buch entdeckt und nachdem es mir dann auch noch jemand anderes wärmstens ans Herz gelegt hat, habe ich es gelesen und war völlig begeistert – wie übrigens auch der Rest meiner Familie. Den Musiker Gaël Faye haben wir dann im Mai 2017 in Düsseldorf live erlebt, das war großartig!

CW: Ich habe den Roman zu Weihnachten auf Französisch geschickt bekommen und fand ihn sehr ergreifend. Bei der Recherche für die Lehrerhandreichung habe ich dann erst gesehen, in wie viele Sprachen er übersetzt wurde und wie viel Erfolg er weltweit hat.

LFL: Worin liegt das Potenzial des Romans für den Französischunterricht?

UCL: Das Tolle an dem Roman ist, dass er es schafft, in einer sehr lyrischen, ja fast zarten Sprache die Geschichte von dem Jungen Gaby zu erzählen und gleichzeitig Zeugnis abzulegen von schlimmsten Kriegsverbrechen, dem Genozid in Ruanda. Es geht also um das universelle Thema des Erwachsenwerdens, aber auch darum, was es bedeutet, mit mehreren Kulturen zu leben, etwas, das in unserer von Migration geprägten, globalen Welt sehr aktuell ist. Die Frage nach den Facetten der eigenen Identität stellen sich alle jungen Menschen! Außerdem erfahren wir sehr viel über die afrikanischen Länder Burundi und Ruanda, über die wir in Europa viel zu wenig wissen. Der Völkermord in Ruanda ist eine historische Tatsache, die unbedingt jungen Menschen bekannt sein sollte. Ich selbst habe mich nach der Lektüre des Romans zum ersten Mal intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt.

CW: Ruanda und Burundi sind tatsächlich Länder, die einem nicht als erstes in den Sinn kommen, wenn die Frankophonie behandelt wird. Somit bietet “Petit pays” zunächst einmal einen außergewöhnlichen Blick auf Länder, in denen Französisch von Bedeutung ist. Vor allem stellt der Roman auch das Bild in Frage, das wir uns als europäische Leser oft unbewusst von afrikanischen Ländern machen. Gleichzeitig bietet der Roman nicht nur die Möglichkeit, sprachliche Fortschritte bei den Schülerinnen und Schülern zu erzielen und soziokulturelles Wissen zu vermitteln, sondern sie auch zur eigenen Auseinandersetzung anzuregen mit Themen wie z. B. der Frage nach der eigenen Identität und der Frage, ob ein Mensch an sich durch Attribute wie Nationalität oder ethnische Zugehörigkeit definiert werden kann. Er ermöglicht auch die Beschäftigung mit ethischen Fragestellungen wie der Frage nach der Verantwortlichkeit für das eigene Handeln. Dabei finden die Schülerinnen und Schüler in Gaby eine Figur, mit der sie sich leicht identifizieren können und die so vielschichtig ist, dass sie gleichzeitig keine einfachen Antworten auf Fragen nach Identität oder Schuld zulässt.

LFL: Welche wichtigen Oberstufenthemen können mit Gaël Fayes Roman behandelt werden?

UCL: Am interessantesten finde ich es, den Roman im Rahmen der questions “existentielles/conception de soi” zu behandeln, die Fragen nach „Identität und Verantwortung“ können als roter Faden dienen. Auch das Thema der Migration, des Verhältnisses zwischen Afrika und Europa im Rahmen der Francophonie stellt eine Möglichkeit der Schwerpunktsetzung für die Romanbehandlung dar.

CW: Genau, indem er Themen wie Flucht und Vertreibung beleuchtet, ermöglicht der Roman eine Bezugnahme auf aktuelle Themen, z. B. die Situation von Geflüchteten in Europa. Dabei geht es dann auch um die Beziehungen zwischen den Vertretern der ehemaligen Kolonialmächte und den Menschen in den ehemaligen Kolonien, die bis in die Gegenwart hineinwirken.

LFL: Gaël Faye ist auch ein erfolgreicher Musiker. Einige seiner Musikstücke und Videoclips enthalten narrative Elemente, die mit seinem Roman in Verbindung gebracht werden können. Haben Sie diese in der Lehrerhandreichung berücksichtigt?

UCL: Ja! Wir schlagen einen Einstieg über den Clip seines Stücks “Petit pays” vor, der wunderbare Bilder von Burundi zeigt. Außerdem ziehen wir eine Verbindung zu “Métis”, in dem es um die Identität einer Person mit gemischtem kulturellem Hintergrund geht, was ja auch viele unserer Schülerinnen und Schüler kennen und was in der heutigen Migrationsgesellschaft ein sehr wichtiges Thema ist. Die Musik Fayes kommt bei Schülerinnen und Schülern übrigens sehr gut an, sie folgen dem Künstler auch gerne in den sozialen Netzwerken, wodurch ein direkter Lebensweltbezug geschaffen wird.

LFL: Gibt es weitere besondere Facetten der Lehrerhandreichung, die Sie uns gern vorstellen möchten?

UCL: Für uns war es wichtig, Aktivitäten vorzuschlagen, die einer modernen Didaktik entsprechen, die also sprechfördernde kooperative Methoden bevorzugen und differenzierendes und individuelles Lernen in unseren heterogenen Lerngruppen möglich machen. Die Klett-Augmented-App bietet eine gute Möglichkeit, das differenzierende Arbeiten ganz leicht auch digital im Klassenraum zu unterstützen.

CW: Der Einsatz verschiedener Medien (Ton, Bild, Video und Text) ermöglicht aus unserer Sicht einen abwechslungsreichen schüleraktivierenden Umgang mit der Lektüre. Außerdem ist die Lehrerhandreichung so konzipiert, dass sie einen thematischen Zugang zur Lektüre ermöglicht, das heißt, die Erarbeitung des Romans erfolgt nicht zwingend chronologisch. Der Lehrkraft ist es hierbei freigestellt, ob sie im Unterricht nach und nach den Roman erarbeitet und entsprechend der behandelten Kapitel Arbeitsblätter auswählt oder ob sie nach der individuellen Lektüre des Romans bestimmte thematische Aspekte aufgreift.

LFL: Falls Kolleginnen und Kollegen noch zögern, den Roman im Unterricht zu behandeln – wie würden Sie dazu ermutigen?

UCL: Der Roman ist universell und überhaupt keine Nischenliteratur, die Behandlung im Unterricht unter der Überschrift “Identité/conception de soi” ist sehr leicht möglich, nicht umsonst haben wir im Dossier auch die Parallele zu Sartre gezogen! Darüber hinaus ist es mal eine andere Facette der Francophonie, die selten behandelt wird, aber sehr interessant ist. Nicht zuletzt lässt sich der Zugang zum Roman leicht über Gaël Fayes Musik schaffen: Der Clip von “Petit pays”, macht sofort Lust, mehr zu entdecken.

CW: Einer Freundin, die sich für die Behandlung des Romans interessierte, habe ich den Link zu Gaël Fayes Musikvideo “Petit pays” geschickt. Als Antwort schrieb sie zurück: „Macht Lust auf mehr“ – ich denke, wer in Fayes Musikstücke hineinhört oder anfängt, den Roman zu lesen, ist selbst so begeistert, dass sie oder er ihn gerne mit Schülerinnen und Schülern behandeln möchte.

LFL: Danke vielmals für das Gespräch!

Ulrike C. Lange ist Fachleiterin für Französisch am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Recklinghausen (NRW) und Studiendirektorin für die Fächer Französisch und Deutsch am Ernst-Barlach Gymnasium in Castrop-Rauxel.

Christine Wender ist Lehrerin für Englisch, Französisch und Spanisch am Humboldt-Gymnasium in Karlsruhe.

Gaël Faye
Petit pays
199 Seiten
Originaltext mit Annotationen
978-3-12-597371-8

Ulrike C. Lange und Christine Wender
Petit pays
Dossier pédagogique
91 Seiten
Originaltext mit Annotationen
978-3-12-597372-5

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