Englisch

Literatur und interkulturelles Lernen – auf die Perspektive kommt es an

von Prof. Dr. Susanne Heinz

Literarische fiktionale Texte werden in den Bildungsstandards und den darauf basierenden curricularen Rahmenplänen der einzelnen Bundesländer gerne als geeignete Textsorte genannt, um interkulturelle kommunikative Kompetenz im Klassenzimmer zu initiieren.

Hier gilt es zwischen dem Erwerb von durch den Text vermitteltem (soziokulturellen) Wissen und einer Reflexion von Einstellungen, Werten und auch von Stereotypen zu unterscheiden. Letztere sind eng mit einer affektiv-emotionalen Ebene verbunden. Um ein Bewusstsein für eine fremde und die eigene Kultur zu entwickeln, ist es laut den Abiturstandards Ziel des Englischunterrichts, dass die Schülerinnen und Schüler „einen Perspektivenwechsel vollziehen sowie verschiedene Perspektiven vergleichen und abwägen können“ (KMK 2012, S. 20).

Das Einlassen auf einen Perspektivenwechsel und die damit verbundene kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und Einstellungen ist jedoch in der Praxis sehr viel schwieriger im Unterricht umzusetzen als der Erwerb von reinem, leicht abprüfbaren Faktenwissen „wie die anderen so sind“. Hier zeigt sich das interkulturelle Potenzial von literarischen Texten, die nicht nur Leben und Alltag in englischsprachigen Ländern schildern, sondern dem Leser erlauben, den Figuren nahe zu sein und Einblicke in deren Weltsicht und Gefühle zu erhalten.

(Inter)kulturelle Reflexion durch Literatur: Auswahlkriterien

Ein Wort der Warnung vorweg: es gibt nicht DIE Lektüre und DEN Typus einer Romanfigur, die alle Schülerinnen und Schüler in einer Klasse begeistern werden und Lektürearbeit ist noch nicht gleichbedeutend mit der Anbahnung von interkulturellen (Lern-)Prozessen. Darum ist es sehr sinnvoll, die Schülerinnen und Schüler bei der Auswahl der Lektüre zu beteiligen und einen breiten Konsens in der Klasse für ein Buch zu finden.

Bereits in der Sekundarstufe I sind Jugendbücher als Lektüren besonders geeignet, da sie durch die in der Regel gleichaltrigen Hauptfiguren die Identifikation und somit den Zugang zum Lesen einer Ganzschrift und zu interkulturellen Lernprozessen erleichtern können. Hierbei gilt es aus einer Fülle von Perspektiven auf die erzählte Welt auszuwählen, um möglichst passgenau die Neugierde der Leser als ganz wichtigen ersten Schritt zum Hineinfühlen in Fremdes/Anderes zu wecken.

Gute Zugänge für einen vergleichenden Perspektivenwechsel und interkulturelle Lernprozesse bieten Lektüren, die folgende Merkmale aufweisen:

Der Erzähler als Teil der erzählten Welt bietet als Innenschau den direkten Zugang zur Perspektive des anderen z. B. im Umgang mit Anderssein und Krankheit, Mobbing oder Erfahrung von Fremdheit:

Anderssein und Krankheit

R.J. Palacio
Wonder
278 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578177-1

John Green
The Fault in our Stars
Buch mit Vokabelbeilage
313 Seiten
Ungekürzer englischer Originaltext mit Vokabelbeilage
978-3-12-573850-8

Patrick Ness
A Monster Calls
240 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578155-9

Terry Trueman
Inside Out
96 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578143-6

Mobbing

A.S. King
Everybody Sees the Ants
261 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578167-2

Jay Asher
Thirteen Reasons Why
239 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578044-6

Kulturelle Fremdheit

Sherman Alexie
The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian
236 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578042-2

Zwei oder mehrere Erzähler vermitteln ihre Sicht der Ereignisse, die sich teilweise widersprechen können bzw. erst durch die reflektierende Zusammenschau des Lesers ein Gesamtbild ergeben:

Race and gun violence in the USA

Kekla Magoon
How It Went Down
298 Seiten
978-3-12-578207-5

Brendan Kiely, Jason Reynolds
All American Boys
248 Seiten
978-3-12-579902-8

Family troubles and homelessness

Robert Swindells
Stone Cold
112 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578145-0

Steven Herrick
The Simple Gift
186 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578201-3

Durch die Zeitreise der Hauptfigur oder durch Handlungsstränge, die auf verschiedenen Zeitebenen spielen:

Susan Cooper
King of Shadows
190 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578147-4

Alan Gratz
Refugee
283 Seiten
978-3-12-578223-5

Durch befremdende, dystopische Schauplätze oder fantastische Elemente, die zugleich Parallelen zur Alltagswelt der Jugendlichen aufweisen:

Margaret Peterson Haddix
Among the Hidden
168 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578034-7

Suzanne Collins
The Hunger Games
323 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578153-5

David Almond
Skellig
141 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578188-7

Lois Lowry
The Giver
137 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-578140-5

Cory Doctorow
Little Brother
376 Seiten
Ungekürzter englischer Originaltext mit Annotationen
978-3-12-579898-4

Räume für Gedanken und Gefühle öffnen

Es ist kein einfacher, aber zugleich ein sehr spannender Weg, diese interkulturellen Lernprozesse im Literaturunterricht individuell und schülerorientiert durch komplexe Literaturaufgaben, die in sich wiederum möglichst verschiedene Sozialformen und Methoden integrieren, anzubahnen. Wichtig ist es, im Unterricht den Raum zu schaffen, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler ihre Sicht versprachlichen und sich dabei zugleich auch öffnen, die eigenen Vorstellungen und Werte zu durchdenken. Durch gezielte Lektüreauswahl und Literaturaufgaben kann so der Weg von interkulturellem Lernen hin zu Empathiefähigkeit und zu interkulturell kommunikativer Kompetenz gelingen.

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