von Christoph Kunz

Kurz nach seinem Erscheinen wurde der Roman Corpus Delicti. Ein Prozess von Juli Zeh als ein „Buch der Stunde“ bezeichnet. Zehn Jahre später ist diese Einschätzung unvermindert aktuell, bietet der Text doch vielzählige Anknüpfungspunkte für eine lebhafte Diskussion im Deutschunterricht.

Die Handlung des Romans spielt in einer nahen Zukunft. Es ist keine schöne neue Welt, von der wir lesen, keine Utopie. Im Gegenteil: Die Autorin entwickelt ein dystopisches Szenario, in dem das Glück als höchster Wert gilt. Dieses Glück wird ganz wesentlich über die Gesundheit definiert: „Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik.“ – Wer sollte dieser Aussage widersprechen? Wollen nicht alle gesund sein und bleiben, möglichst lange, bis ins hohe Alter? Leserinnen und Leser des Romans werden diese Aussage jedoch vermutlich skeptisch bewerten. Denn für die im Text von Gesellschaft und Staat eingeforderte Gesundheit ist der Mensch zwar mittels Sport, Ernährung, Lebenswandel selbst verantwortlich. Aber staatliche und gesellschaftliche Kontrollmechanismen üben einen extremen Zwang aus, dem sich keiner entziehen kann und darf: Jeder ist dazu verpflichtet, den eigenen Körper und die gesundheitliche Verfassung ständig zu optimieren – dies wird vom Staat kontinuierlich überwacht. Zehs fiktiver Staat ist eine Gesundheitsdiktatur, in der die Zielformulierung der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahre 1946 – „der Besitz des bestmöglichen Gesundheitszustandes bildet eines der Grundrechte jedes menschlichen Wesens“ – verkehrt wird: Vom Grundrecht des Individuums auf einen bestmöglichen Gesundheitszustand, den der Staat zu ermöglichen hat, hin zur Grundpflicht des Einzelnen, diesen Gesundheitszustand herzustellen und für den Staat zu erhalten.

Themen wie Überwachung und Gesundheitsoptimierung eröffnen Möglichkeiten einer weiterführenden Diskussion im Unterricht, auch mit Blick auf das eigene Verhalten im aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext.

Der Trend zum „Self-Tracking“ und zum „Quantified Self“, zum Sammeln und Optimieren von persönlichen „Körper-Daten“– Schrittzahl, Kalorienverbrauch, Schlafphasen – wächst immens. Gesundheitsdaten, die über Apps analysiert und gespeichert werden. Was ist davon zu halten? Sinnvolle Sorge um den eigenen Körper oder Vorbereitung eines kommenden Überwachsungsstaates?

Juli Zeh beschreibt einen totalitären Staat. Der generell positiv zu wertende Wunsch aller Menschen nach Gesundheit steht am Anfang einer Entwicklung, die schließlich in der Diktatur endet. Der Roman stellt sich damit in die Tradition dystopischer Romane wie „Schöne neue Welt” von Aldous Huxley oder „1984” von George Orwell, die die Schüler und Schülerinnen ggf. aus dem Englischunterricht kennen und hierzu Bezüge herstellen und in die Diskussion einbringen können. Sowohl der Titel – Corpus Delicti – als auch der Untertitel – Ein Prozess – entstammen der Sprache des Rechts. Dies ist kein Zufall, denn Juli Zeh ist selbst Juristin. Vor allem die Sicherung individueller Rechte und die Möglichkeit der Machtbegrenzung staatlicher Zugriffe sind Themen, die die Autorin interessieren. Die lateinische Wendung „Corpus Delicti“ (auf Deutsch: Körper des Verbrechens) meint eigentlich ein Beweisstück, das der Überführung eines Täters dient. In Juli Zehs Roman erhält dieser Begriff eine erweiterte Bedeutung: Zum Corpus Delicti, zum Körper des Verbrechens, wird dort der eigene, menschliche Körper, sobald dessen Gesundheit nicht akribisch bewahrt bzw. gesteigert wird. Auch der Untertitel des Romans – Ein Prozess – spielt bewusst mit der doppelten Bedeutung des Wortes: Mia Holl, die Protagonistin des Romans, ist anfänglich eine überzeugte Unterstützerin des Systems. Doch dann wird ihr Bruder Moritz als mutmaßlicher Sexualstraftäter vor Gericht gestellt, obwohl er die Anschuldigung zurückweist und seine Unschuld beteuert. Mit Hilfe eines DNA-Tests wird Moritz scheinbar überführt und verurteilt. Gerichtsverfahren und Urteil wecken in Mia Zweifel, ob das System wirklich so heilsversprechend und unfehlbar ist. Der Prozess, der gegen ihren Bruder und schließlich auch gegen sie geführt wird, löst bei Mia einen Prozess der Erkenntnis aus, der zur Abkehr vom und zum Widerstand gegen das System führt.

Der Roman geht auf das gleichnamige Theaterstück von Juli Zeh zurück. Er sollte ursprünglich für einen Preis als bester Science- Fiction-Roman des Jahres nominiert werden. Die Autorin hat die Nominierung jedoch abgelehnt, weil der Roman für sie kein Science-Fiction-Szenario beschreibe. Trifft dies zu? Ist die Beschreibung, die Juli Zeh von Gesellschaft und Staat als nahe Zukunft schildert, vielleicht schon längst in den gegenwärtigen Strukturen unserer realen Welt existent? Es geht dabei auch um die grundlegenden Herausforderungen einer zukünftigen Welt, um eine Ethik für die digitale Gesellschaft. Um die grundlegenden Fragen, mit wie viel staatlicher Regulierung und wie viel persönlicher Freiheit wir leben wollen bzw. dürfen. Ob das Individuum oder die Gemeinschaft im Mittelpunkt stehen sollen. Fragestellungen und Perspektiven, die kontroverse Unterrichtsgespräche garantieren.

Juli Zeh
Corpus Delicti. Ein Prozess
272 Seiten
978-3-12-666917-7