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Scrollen oder blättern? – Das ist hier die Frage

(c) Christian Horz, Getty Images

von Michaela Strobel

Bereits im letzten Sommer gab es an eben dieser Stelle einen Beitrag zum Thema „Print oder digital: Lesen heute“ in dem es um das Abwägen der beiden Mediengattungen gegeneinander ging.
Hier soll nun das Augenmerk speziell auf das Lesen in der Freizeit von Kindern im Grundschulalter gerichtet werden. Bringen eBooks Kinder zum Lesen? Lesen sie durch eBooks vielleicht mehr, was ja im Rahmen der Leseerziehung durchaus zielführend wäre. Können eBooks vielleicht sogar einen Beitrag leisten, die Kinderzimmer zu entrümpeln, indem auf gedruckte Bücher verzichtet wird?

Stellt sich doch zuerst die Frage, was macht Lesen für jüngere Kinder aus? Da ist zum einen das Vorlesen, über das Eltern ihre Kinder bereits in jungen Jahren mit Büchern vertraut machen wollen. Vorlesen verbindet man mit dem Herstellen von Nähe. Wer würde da zum eBook greifen wollen? Wo doch gerade das gemeinsame durch das Buch blättern, vor und wieder zurück, diese Nähe unterstützt.
Und später dann, wenn die Kinder selbst zu lesen beginnen, dann ist doch für sie – neben dem Inhalt – mit das Wichtigste, den Fortschritt zu sehen, den sie gemacht haben. Und das geht am besten, indem man feststellt, wie dick die Menge der gelesenen oder noch zu lesenden Seiten ist. Mit Prozentangaben – wie in eBooks üblich – können Kinder da wenig anfangen. Überhaupt ist es das Haptische, was Kinder an Büchern fasziniert, das Umblättern der Seiten und nicht das Scrollen durch einen Text.
Fragt man Kinder selbst nach ihrer Vorliebe, so präferieren fast 80% in ihrer Freizeit gedruckte Bücher. Als Gründe nennen sie genau das fühl-bare Erlebnis des Lesens. Weiterhin dass es ihnen gefällt Bücher zu besitzen, ins Regal zu stellen und auszustellen. Auch die Möglichkeit, Bücher anhand ihres Einbandes zu beurteilen und auszuwählen ist für viele ein Argument, das für das gedruckte Buch spricht. Ebenso wie das Ausleihen in einer Bibliothek oder die soziale Komponente, die dann eine Rolle spielt, wenn man Bücher, die man selbst klasse findet, mit Freunden austauscht. Es gibt also viele Argumente, die für ein gedrucktes Buchs sprechen.
Und dennoch haben eBooks auch einige Vorteile gegenüber dem gedruckten Buch:
• Vielleser haben immer genug Lektüre als Vorrat.
• Wenn man verreist, wird das Urlaubsgepäck leichter.
• Die Schriftgröße und damit die Textmenge auf einer Seite ist einstellbar. So kann man den Textumfang auf einer Seite dem Niveau der Leserin oder des Lesers anpassen.
Aus der Hirnforschung weiß man, dass je schneller ein Text gelesen wird, desto schlechter wird er verstanden. Und eBooks verleiten zum schnellen Lesen. Im Leselernprozess geht es aber auch und vor allem um die Anbahnung von Textverständnis. Gedruckte Bücher entschleunigen also das Lesen. Eigentlich ein schöner Gedanke in einer immer schneller werdenden Zeit.
Egal welches Medium man präferiert, eines ist sicher: Ein Buch ist immer ein tolles Geschenk. Ein eBook aber lässt sich nicht verschenken.

Michaela Strobel ist Grundschullehrerin, Schwerpunkt schulische und außerschulische Leseförderung, Leseförderung im Daz-Bereich, Fortbildungsveranstaltungen im Bereich Leseförderung und Alphabetisierung.

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