Lesevergnügen für junge Leute im Spanischunterricht ab Klasse 11
von Ina Muñoz
Die Erzählung Minnie war 2018 Pflichtlektüre in Niedersachsen im Themenfeld Momentos cruciales en la vida humana – Individuo y convivencia social. Aufgrund ihrer Kürze kann sie auch ohne Abiturrelevanz ab Klasse 11 gelesen werden. Das Gleiche gilt für die andere Science-Fiction-Erzählung von Barcelò 2084 – Después de la revolución. Beide Erzählungen haben einen Erzählstil, der junge Leserinnen und Leser anspricht und können gut für die Textarbeit im Unterricht genutzt werden. Durch die futuristischen Szenarien, ihren Aufbau und die Darstellung der Protagonisten eignen sie sich gut für Textarbeit, Analyse und kreatives Schreiben. Ebenso interessiert die Thematik junge Leserinnen und Leser in der Regel sehr, so dass man mit Texten dieser Art auf ein intrinsisches Leseinteresse hoffen kann.
„Minnie“ von Elia Barceló ist eine Science-Fiction-Kurzgeschichte, die in einer fernen Zukunft spielt. Der Protagonist Joel, ein Weltraumreisender, kreuzt bei insgesamt sieben Fahrten zur Erde den Weg einer rätselhaften Frau namens Minnie, deren Schicksal ihn nachhaltig beschäftigt. Obwohl für Joel Jahre vergehen, scheint Minnie selbst nicht zu altern und Begegnungen und Gespräche wiederholen sich so lange, bis Joel erkennt, dass Minnie kein Mensch, sondern ein Android ist, der darauf programmiert wurde, ewig zu warten.
Die Handlung greift das Motiv einer verlassenen Frau auf und verknüpft es geschickt mit Elementen interstellarer Reisen, was sie zu einer idealen Lektüre für Jugendliche macht.
Thematisch setzt sich das Werk mit Liebe, Hoffnung und dem mitunter vergeblichen Warten auf das eigene Glück auseinander. Dabei steht Joel für den Kontrast zwischen menschlicher Vergänglichkeit und künstlicher Zeitlosigkeit.
In diesem Zusammenhang ließe sich über die Frage, was einen Menschen eigentlich ausmacht, diskutieren. Auch der Aspekt der Vergänglichkeit als etwas zutiefst Menschliches wäre ein interessantes Interpretationsfeld. Mit dieser Lektüre finden Schülerinnen und Schüler Anknüpfungspunkte zu literarischen Epochen und anderen eventuell bekannten Lektüren, wie beispielsweise Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann. Diese könnte zum Vergleich hervorragend herangezogen werden, um fach- und epochenübergreifend zu arbeiten.
Die Tragik der Figur Minnies lässt zudem für grundsätzliche Lebensfragen Raum: Ist Hoffnung sinnvoll, wenn sie keine reale Grundlage hat? Ist emotionale Bindung wertvoll, wenn sie künstlich erzeugt ist? Was ist schlimmer: Einsamkeit oder eine Illusion von Nähe? Alltagsnahe Dialoge, umgangssprachliche Ausdrücke und Wortschatzfelder zu Themen wie Familie, Schule oder Freundschaft erhöhen die Lesefreudigkeit junger Menschen.
2084 – Después de la revolución ist ein Jugendroman, der ebenfalls in der Zukunft spielt und sowohl soziale als auch politische Themen aufgreift.
Die Geschichte spielt im Jahr 2084 nach einer großen Revolution, die der Bevölkerung eine gerechtere Welt in Aussicht gestellt hat. Die daraus entstandene Gesellschaft aber bleibt stark kontrolliert, insbesondere durch Überwachungstechnologien oder aufgrund von manipulierten Informationen. Die junge Protagonistin Nadia beginnt, das System zu hinterfragen und stellt dabei fest, dass die Revolution nicht die erhoffte Freiheit gebracht hat. Von diesem Moment an widmet sich der Roman der Frage, was es wirklich bedeutet, frei zu sein, und wer eigentlich die Wahrheit bestimmt.
Der Roman ist eine deutliche Anspielung auf den berühmten Vorgänger von George Orwell, 1984, ohne dessen Tiefgang anzubieten. Daher kann hier, neben der interessanten Frage, was sich an den Wünschen und Vorstellungen an eine bessere Welt in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich verändert hat, auch der Begriff der Intertextualität mitgedacht werden. Der Text regt seine jungen Leser zu kritischem Denken darüber an, was soziale Kontrolle und Überwachung oder die Manipulation von Informationen bedeuten können. Er vermittelt eine Idee davon, dass die Konzepte von Freiheit und Sicherheit, die sich viele in der heutigen Gesellschaft wünschen, möglicherweise nicht so ohne Weiteres zu vereinbaren sind.
Historisch betrachtet könnte man sogar einen Bogen zur Französischen Revolution und dem Prozess der Aufklärung spannen und den Sinn und Unsinn von revolutionären Bewegungen beleuchten. So gesehen bietet der Roman jungen Menschen neben Lesefreude auch Gesprächsanlässe zu hoch aktuellen Themen wie Demokratie, Fake News und Propaganda oder wie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ethisch zu vertreten ist.
Der Roman regt zur sprachlichen Auseinandersetzung an und bietet zahlreiche Sprechanlässe. Er regt eher zum Nachdenken als zum Handeln an, was in den schulischen Kontext zunächst einmal besser passt. Dabei verherrlicht er nichts, sondern stellt interessante, vielleicht auch unbequeme Fragen, nicht zuletzt in Bezug auf die Rolle von Jugendlichen im sozialen Wandel und besticht durch ein schnelles Lesetempo aufgrund kurzer Kapitel.



