ist in der Auswahl von drei aktuellen französischen Jugendromanen für den Lesewettbewerb „Prix des lycéens allemands“ 2027. Lehrkräfte können ab sofort ihre Klassen anmelden, um am Projekt teilzunehmen. Ziel der Leseinitiative ist es, Schülerinnen und Schülern eine intensive Auseinandersetzung mit französischer Originaljugendliteratur zu ermöglichen und für das Lesen im Fremdsprachenunterricht zu begeistern.

Les effacées von Marine Carteron ist ein Jugendroman, der Geschichte, Kunst und Gegenwart miteinander verbindet. Die Handlung spielt im Musée d’Orsay in Paris und erzählt von Frauen, die in der Kunst und Geschichte oft übersehen oder bewusst unsichtbar gemacht wurden.
Im Mittelpunkt steht Joséphine, die während eines außergewöhnlichen Erlebnisses im Museum auf eine geheimnisvolle Figur trifft. Durch diese Begegnung entdeckt sie Geschichten von Frauen, deren Leben und Bedeutung im Laufe der Zeit verdrängt oder vergessen wurden. Dabei verbindet der Roman historische Ereignisse mit einer fiktiven Handlung und regt zum Nachdenken über Erinnerung, Gerechtigkeit und die Rolle der Frauen in der Kunstgeschichte an.
Eine seltsame Geschichte: Wer sich nachts durch die Gänge eines großen Museums bewegt, muss sich nicht wundern, wenn Personen auf den Bildern lebendig werden. Wenn aber die Personen auf den Bildern anfangen zu sprechen und dennoch nicht zu sehen sind, wird es richtig kompliziert und spannend zugleich.
Marine Carteron, unterstützt von ihrer Illustratorin Mathilde Foignet, berichtet eine schier unglaubliche Geschichte, stellenweise als Fantasy-Roman, der auf lehrreiche Weise Kunstgeschichte erzählt. Jedes Bild hat seine eigene Geschichte, die mit denen der dort dargestellten (oder auch nicht gezeigten) Frauen den Betrachtern ganz neue Dimensionen eröffnen.
Der Roman ist spannend und emotional geschrieben und richtet sich vor allem an Jugendliche ab etwa 14 Jahren. Er vermittelt historische und gesellschaftliche Themen auf eine leicht verständliche Weise, ohne den Ausgang der Geschichte vorwegzunehmen
Und dann ist da noch das riesige Bild von Courbet „Das Atelier des Malers“, auf dem Courbet viele Künstler seiner Zeit – im Internet findet man alle Namen… auch der Kaiser Napoleon III. ist mit dabei – versammelt hat. Ganz rechts sitzt Charles Baudelaire auf einem Tisch und neben ihm ist eine Leerstelle erkennbar. Hier wird der Betrachter zum Detektiv. Warum ließ Courbet hier jemanden verschwinden? Die Leserinnen und Leser können selbst im Internet recherchieren, warum und wen er neben Baudelaire verschwinden ließ?
Es gibt noch eine andere Frau, deren Leben auf sehr geheimnisvolle Weise mit einem Bild verknüpft ist: Es geht um das Bild „Der Ursprung der Welt“. Wer hat das Bild in Auftrag gegeben und wer waren die Besitzer dieses Bildes? Wiederum kann das Internet helfen, diese Fragen zu beantworten. So viel sei verraten: Spätere Besitzer haben das Bild aus gutem Grund oft hinter einem Vorhang verborgen. Und wer war das Modell für dieses Bild? Die Neugier hat zu vielen Vermutungen geführt. Die Kunstgeschichte glaubt, auf diese Frage eine Antwort zu haben.
In diesem Roman mischt Marine Carteron Fantasy mit ganz realen (Kunst-)Geschichten, die in diesem Roman ineinander übergehen. Und die Leserinnen und Leser erfahren auch einiges über das Frauenbild jener Zeit.
Diese Lektüre eignet sich vorzüglich für verschiedene Interpretationen. Die Geschichten dieses Bandes könnten aus den verschiedenen Blickwinkeln der beteiligten Personen nacherzählt werden. Oder Joséphine erzählt in ihrer Klasse ihre Erlebnisse, so nach dem Motto, ihr habt ganz schön was verpasst.
Heiner Wittmann


