Léa kommt nach dem Umzug ihrer Familie in eine neue Schule am Stadtrand. Sie fühlt sich in der riesigen Schule mit 3000 Schülern alleingelassen. Beim Sport gelingt es ihr, die Aufmerksamkeit von Théo, dem Star ihrer Klasse, auf sich zu ziehen. Durch ihn findet sie den so sehr erträumten Anschluss. Kaum ist sie mit dabei, merkt sie, wie die Gruppe um Théo den Unterricht eines Lehrers, den sie langweilig findet, sabotiert. Léa, sehr drauf bedacht, dazuzugehören, lässt sich hinreißen, die Aktionen der Gruppe unter Anführung von Théo gegen den Lehrer zu unterstützen. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Sie gerät in einen Teufelskreis, dem sie kaum entkommen kann.

Adèle Tariel

La Meute – Hybride Ausgabe allango
Lektüre. Collection jeunes adultes
Texte intégral annoté, 56 Seiten
ISBN 978-3-12-592103-0

La Meute – Digitale Ausgabe allango
Lizenzschlüssel (Unterrichtende/Lernende, 24 Monate)
Lektüre NP10059210300

 

„La Meute“ hat alle Merkmale einer sehr gelungenen Lektüre ab der 10. Klasse: Spannend soll sie sein und das ist es, was Adèle Tariel vorzüglich gelungen ist. Dieser Roman erläutert auf anschauliche Weise, wie die Mechanismen von Mobbing funktionieren: Seine Entstehung, der unerbittliche Gruppenzwang, der dazu beiträgt, dass diejenigen, die mobben, sich aus dieser Spirale so schwer befreien können, der Druck der Gruppe, sich mit ihren fragwürdigen Aktionen gemeinsam stark zu fühlen, das Unverständnis der Gruppe wie auch ihrer Mitläufer, das Leid zu verstehen, was dem Opfer angetan wird, wie auch die fortschreitende Radikalisierung, wenn dem Treiben nicht Einhalt geboten wird, gehören zum Thema Mobbing.

Die gemeinen Aktionen, die das Opfer erleiden muss, werden von einigen in der Gruppe erdacht und durchgeführt, vor allem, weil sie der Gruppe gefallen möchten und sich gegenseitig übertrumpfen wollen. So verlieren die Täter jede Sensibilität für das oder die Opfer. Die Mitglieder dieser Gruppe frohlocken über die eigenen Taten, sie übersehen eigentlich immer das Leiden ihres Opfers, jede seiner Schwächen wird ausgenutzt, sie ergötzen sich an seiner Verzweiflung und denken sich immer neue Demütigungen ihres Opfers aus. Der wachsende Beifall durch immer mehr Likes im sozialen Netzwerk, wo sie die Fotos ihres Lehrers posten, lässt sie jedes Gefühl für die Schändlichkeit ihres Treibens vergessen.

Es gibt verschiedene Formen von Mobbing, das gegenüber Mitschülern, aber eben auch das Mobbing einer Gruppe von Schülern gegenüber einem Lehrer, wie Adèle Tariel dies in „La Meute“ berichtet. Ihr Roman eignet sich besonders gut, um in einer Klasse eine Diskussion zum Mobbing anzuregen. Alle Schülerin und Schüler sind mit diesem Thema schon einmal konfrontiert worden. Täter werden sich wohl nicht outen, aber in jedem Fall wird das Bewusstsein aller in der Klasse für die Leiden der Opfer und für den notwendigen Mut, einen solchen Teufelskreis zu durchbrechen, ganz wesentlich gestärkt werden. Hier bedarf es einer geschickten Unterrichtsführung, um auf der Grundlage der Geschichte von Léa, alle Bedingungsfaktoren des Mobbings möglicherweise mit Hilfe eine Mindmap (alle Begriffe rund um das Mobbing und Seiten- und Zeilennummern hinzufügen) von den Schülerinnen und Schülern erarbeiten zu lassen. Das wird auch deshalb notwendig sein, damit die Schülerinnen und Schüler der Klasse oder des Kurses, in dem diese Lektüre gelesen wird, verstehen, wie Adèle Tariel nahezu alle Aspekte des Mobbings in ihrem Roman mit ihren Konsequenzen nennt.

Léa schafft es nicht, sich von der Gruppe zu distanzieren. Aber Arthur, ein Schüler, der sich an dem Treiben der Gruppe um Theo nicht beteiligt, stellt ihn schon zu Beginn im Flur und sagt ihm ganz eindeutig, was er von diesen Aktionen hält. Sein Widerstand verläuft leider im Sande und Léa macht aus dem Vorwurf, den Arthur an die Gruppe richtet, sie sei eine Meute, den Namen des Accounts im sozialen Netzwerk, wo die Gruppe die Fotos von ihrem Lehrer postet.

Adèle Tariel thematisiert auch den notwendigen Mut, sich dem Gruppenzwang zu entziehen, Hilfe zu suchen und sich anderen anzuvertrauen. Der geringste Versuch Léas, sich von der Gruppe zu distanzieren, wird sogleich mit Drohungen ihr gegenüber beantwortet; aber sie spürt doch, dass man dem Star Théo entgegentreten muss. Schließlich schafft sie es in allerletzter Minute doch noch… aber auch nur, weil die Gruppe den Bogen längst überspannt hat. In einem gewissen Sinn ist Léa auch ein Opfer des Gruppenzwangs, der das Mobbing so gefährlich macht.

Das Thema des Mobbings in diesem Roman ist eine gute Gelegenheit, seinen Inhalt auf ganz verschiedenen Weisen zu bearbeiten: Die Schüler können sich aussuchen, wie sie die Geschichte resümieren: als Blogbeitrag, als Zeitungsartikel, als Vorlage zu einer Diskussionsrunde über das Mobbing. Oder mit dem Stoff einen Kommentar für die Schülerzeitung schreiben. Oder ein Podcast zu diesem Thema herstellen. Oder eine Podiumsdiskussion in der Klasse organisieren.

Auch in sprachlicher Hinsicht ist „La Meute“ eine gelungene Lektüre, da sie dazu beiträgt, den Wortschatz der Schüler zu erweitern. Wenn sie anhand dieser Lektüre die umgangssprachlichen Vokabeln herausschreiben, und sich mit der KI eine Tabelle: „Frz. Vokabel, Umschreibung, Beispielsatz“ und diese Tabelle nach der französischen. Vokabeln alphabetisch ordnen lassen, können sie sich ein Wörterbuch der Jugendsprache anfertigen.

Es wird eine digitale Unterrichtshandreichung von Sarah Langenbach zu diesem Roman geben. Ihre Erscheinung ist für Ende August geplant.

Heiner Wittmann