Sylvie Meyer ist 53 und hat sich ihr ganzes Leben lang zuverlässig um ihre Familie gekümmert. Sie wohnt mit ihren beiden Söhnen alleine, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Sie hat eine Stelle als Führungskraft. Ihr Chef bittet sie um Überstunden und um die Überwachung ihrer Kolleginnen und Kollegen. Doch es kommt der Tag, an dem sie eine Art Zusammenbruch erleidet. Ihr wird alles zuviel und sie begeht eine Straftat, die ihr Leben gründlich verändert.
Der Roman berichtet von Sylvies Berufsleben und welche Gründe zu ihrem Ausraster führen. Es entsteht ein eindrucksvolles Porträt einer Frau, die die Routine nicht mehr erträgt, die frei sein möchte und dafür aber einen hohen Preis bezahlt. Aber es gibt noch mehr in ihrem Leben, das dazu beigetragen hat, sie aus der Bahn zu werfen…

Nina Bouraoui, Otages
Lektüre mit
Vokabelbeilage (23. S.)
Ernst Klett Sprachen
125 Seiten
ISBN 978-3-12-597278-0
Vor einem Jahr hat ihr Mann sie nach 25 Jahren verlassen. Es war ihrer Ansicht nach keine besondere Ehe. Eines Morgens teilte ihr Mann ihr mit: „Ich gehe.“ Das Leben ging einfach weiter: „Il y avait un mur entre mon mari et moi.“ (S. 15) Diese Mauer wurde immer größer. Beide haben dazu beigetragen. In ihrer Erinnerung entstand in ihrem Innern ein Riss.
Sie ging weiter regelmäßig zu ihrer Arbeit bei dem Unternehmen Cagex. Der Chef Victor Andrieu vertraut ihr, umwirbt sie förmlich, sie entwickelt sich zu einer Modell-Angestellten, pünktlich und immer genau bei allen Arbeitsabläufen. Aber der Druck wird stärker, sie spürt die Last der steigenden Anforderungen und sehnt sich nach mehr Freiheit: „D’exister en tant que femme plus libre que d’habitude !“ (S. 25) Sie ahnt, dass ihr Vorhaben vielleicht verrückt ist, aber jemandem die Freiheit zu nehmen, bedeutet für sie, ihre eigne Freiheit zu bestätigen: vgl. S. 25.
Der Chef bittet sie um ein Gespräch und trägt ihr auf, ihren Kolleginnen und Kollegen nachzuspüren. Effizienzsteigerung hat er im Sinn. Sylvie macht mit und spürt, dass der Riss in ihr größer wird. Polizist zu spielen, liegt ihr überhaupt nicht.
Sie lässt die Ehejahre vor ihren Augen vorüberziehen, die Bilder ihrer Eltern, ob die sich liebten? Sie selbst habe ihren Mann nicht lieben können. Ihre Eltern waren auch nur zusammengeblieben, weil man sich damals nicht scheiden ließ. Irgendwelches Vertrauen hat sie von zu Hause nicht mitbekommen. Mit vielen weiteren Einzelheiten rekonstruiert Sylvie ihr Leben und versucht, sich mehr oder weniger bewusst ihre Lage zu erklären.
Mit 28 hatte sie geheiratet. Mit gemischten Gefühlen erinnert sie sich an ihren Hochzeitstag, richtig glücklich wurde sie nicht.
Eines Tages nimmt sie ihr Auto, fährt los und lässt den Arbeitstag in Périgueux bei Cagex verstreichen und geht erst spätabends in die Firma und trifft dort ihren Chef, der mit einer wüsten Tirade ihr verdeutlicht, wie ungehalten er über das unerwartete Verhalten seiner Mitarbeiterin ist. Sie wehrt sich nicht und erinnert sich auch nicht recht an diese Nacht. Es ist wie eine Gedächtnislücke, Vorgänge, die sie in ihrer Erinnerung ausblendet. Wollte sie sich rächen? Für das, was er ihr angetan hatte? Sie weiß nicht genau warum, aber irgendwie genoss sie den Moment, selbst auf einmal die Macht (vgl. S. 59) zu haben.
Aber es steckt noch mehr dahinter. Sylvie empfindet auch ein Unwohlsein gegenüber der Gesellschaft: „… la société est malade.“ (S. 61) Genau versteht sie das eigentlich nicht, aber dennoch glaubt sie, einen Gradmesser gefunden zu haben: Wenn das Leben für Dich entscheidet, muss man handeln. (vgl. S. 62) Es sind diese feinen Unterschiede zwischen einer Art Sozialkritik und ihrer persönlichen Biographie, die zu der immer stärkeren Spannung in diesem Roman beitragen.
Was ist in dieser Nacht genau passiert? Sophie, die ansonsten jedes Detail akribisch beschreibt, ist an dieser Stelle ziemlich schweigsam. Schließlich scheint Andrieu Victor einlenken zu wollen. Die Ereignisse dieser Nacht bleiben aber im Dunkeln. Am nächsten Tag klingeln zwei Männer von der Polizei bei ihr an der Tür, befragen sie und nehmen sie mit. Die rüde Weise, mit der sie mit ihr umgehen, stört sie, aber sie nimmt das irgendwie hin.
In der Zelle denkt sie wieder über ihre Kindheit und Jugend nach. Die Emotionslosigkeit ihrer Eltern … sie ließ ihren Mann einfach weggehen. Und dann sind da wieder ihre Erinnerungen: als sie 15 war, tauchte in ihrer Jugendclique der 35-jährige Gilles auf, dessen Erscheinung alle faszinierte. Er kümmerte sich um Sylvie und nahm sie mit in sein Häuschen. Die Verletzungen jener Nacht haben sie für ihr Leben geprägt und schwer belastet.
Die eindringliche Sprache, die so präzise Beobachtung ihrer Umgebung, das Verhältnis zu ihrem Mann, über das es nicht viel zu sagen gibt, einige Bemerkungen über ihre Söhne, die angespannte Situation in ihrer Firma, wo ihre Stellung als erfolgreiche Führungskraft durch die immer größeren Anforderungen ihres Chefs unterminiert wird, zusammen mit den Rückblenden und ihren Erinnerungen machen Otages zu einer spannenden Lektüre, die dazu anregt, vollständig gelesen zu werden; gelingt es doch der Autorin Nina Bouraoui, das Porträt einer zunächst als ganz normal erscheinenden Frau zu zeichnen, die aber im Leben das nicht findet, was ihr zu Hause vorenthalten wurde. Das Verbrechen, das in ihrer Jugend an ihr verübt wurde, hat ihr Trauma ganz erheblich verstärkt. Wie schwer wiegen diese Erinnerungen an frühere Zeiten, bei ihrer so plötzlichen Revolte?
Heiner Wittmann



