Benjamin Voisin ist der Nachfolger von Marcello Mastroiani, der 1967 im Film von Luchino Visconti die Hauptperson des Romans von Albert Camus L’étranger (1942) verkörperte. In diesem Jahr ist die Neuverfilmung des Schulkassikers von François Ozon als Schwarz-Weiß-Film in die deutschen Kinos gekommen

Albert Camus, > L’étranger
Texte et documents, 97 Seiten

Originaltext mit Annotationen und Zusatztexten
ISBN 978-3-12-597460-9

Meursault, ein Angestellter in Algier erfährt per Telegramm, dass seine Mutter in Altersheim verstorben ist: Das ist zugleich einer der berühmtesten Romananfänge: „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern…“ Er nimmt sich einen Tag frei und fährt nach Marengo, um an ihrer Beerdigung teilzunehmen. Wieder zurück begegnet er seiner Kollegin Marie (Rebecca Marder), sie gehen zusammen schwimmen, dann ins Kino und auch zu ihm nach Hause.

Ob sie ihn liebe, will sie wissen und Meursault sagt, das sei doch egal. Später an einem Strand haben seine Freunde Ärger mit Arabern, Meursault nimmt seinem Kumpel die Pistole ab, damit dieser keinen Unfug anstelle. Der erste Teil des Romans endet mit einem Mord. Einer der Araber sitzt an einer Quelle und zieht vor Meursault ein Messer. Die Sonne spiegelt sich in der Klinge, Meursault tötet ihn mit einem Schuss und schießt noch viermal.

Im zweiten Teil des Romans wird im Gericht mit den Zeugenaussagen die bisherige Geschichte aus der Sicht all derer noch einmal erzählt, mit denen Meursault im ersten Teil Kontakt hatte. Dem Staatsanwalt geht es nur darum, den Angeklagten als einen unnahbaren, passiven Menschen darzustellen. Seine fehlenden Emotionen werden ihm zur Last gelegt und nach dem Motiv des Mordes befragt, antwortet Meursault, es sei wegen der Sonne gewesen. Wie zeigte Ozon diese Szene: Sieht sie nach Vorsatz aus? Oder erschrickt sich Meursault, als die Sonne sich in der Klinge des Arabers spiegelt? Schließlich wird er zum Tode verurteilt.

Ozon hat sich ziemlich streng an die Vorlage gehalten von einigen kleinen Ergänzungen, wie z. B. dem Ausschnitt aus der Wochenschau zu Beginn des Films, der die Erfolge der französischen Kolonialherrschaft betont, abgesehen, oder die Sammelzelle, in der Meursault nach seiner Verhaftung eingesperrt wird, wo ihn die Mithäftlinge fragen, warum er hier sei: „Ich habe einen Araber getötet,“ antwortet er ihnen.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass im Film der erste Teil länger als der zweite Teil ausfällt – in der gedruckten Ausgabe, sind die beiden Teile ziemlich genau gleich lang -, dadurch verblasst möglicherweise die so sorgfältige Komposition des Romans, die alle Personen des ersten Teils noch einmal im Gericht erscheinen lässt und die, bis auf den Hausmeister des Altersheims das Spiel des Staatsanwalts mitspielen, der sich von den Zeugen die Teilnahmslosigkeit des Angeklagten bestätigen lässt, was auch die meisten Interpretationen des Romans wiederholen. Milchkaffee habe er am Sarg seiner Mutter getrunken, der Hausmeister wirft ein, er habe ihm den Kaffee angeboten. Dieser einzige Versuch, Meursault zu entlasten, wird vom Staatsanwalt niedergemacht.

Die Interpreten verweisen gerne auf Meursault als Inkarnation einer absurden Persönlichkeit, wie überhaupt, es sich um einen absurden Roman handeln solle. Das Absurde wird so aber überstrapaziert, – Meursault gebraucht das Wort nur einmal im Gespräch mit dem Geistlichen, der ihn in seiner Zelle besucht. Camus hatte die Stellung des Menschen in der Welt als absurd bezeichnet, der Mensch, der rufe und die Welt schweige vernunftwidrig, heißt es in Le Mythe de Sisyphe (1942). So lautete Camus‘ Diagnose. Danach, so Camus in seinem Gesamtwerk, solle der Künstler eine Antwort auf diese Situation finden. In diesem Falle ist es der Künstler Camus, so wie er seine Rolle als Schriftsteller auch verstand, der hier in einer so ästhetisch gelungenen Form die Geschichte des Büroangestellten Meursault erzählt, der in eine missliche Situation gerät, einen Araber tötet und allein vor allem wegen seines Verhaltens, das ihm die Justiz vorwirft, verurteilt wird. Die strenge Komposition des Romans, die Stellung der Hauptperson gegenüber einer Gesellschaft, die ihn ohne Aussicht auf Entlastung verurteilt, regt zum Nachdenken und zu Diskussionen an.

Im Übrigen muss man sich an Camus selbst halten, der im Vorwort der amerikanischen Ausgabe von Der Fremde, darauf hingewiesen hat, dass Meursault verurteilt werde, weil „er das Spiel nicht mitspielt“, deshalb sei er ein Fremder, jemand, der sich weigert zu lügen, das sei nicht nur etwas zu sagen, was es nicht gebe, das sei auch mehr zu sagen, als man fühle. Und Camus fügt hinzu, das machen wir doch alle, um unserer Leben zu vereinfachen. Meursault sei keineswegs gefühllos, seine Leidenschaft für die Wahrheit sei die Voraussetzung für eine Beherrschung über sich selbst und über die Welt. Indem Meursault sich weigere zu lügen, fühle sich die Gesellschaft um ihn herum bedroht. Ob er sein Verbrechen bereue, wird er im Gericht gefragt. Er würde mehr Langeweile als Reue verspüren… das führt zu seiner Verurteilung.

Wie leicht folgen aber die Leserinnen und Leser den Absichten des Staatsanwalts und bemerken kaum, wie genau Meursault alles um sich herum beobachtet, wie er dann doch in eine Art Strudel – die Reaktionen aller um ihn herum – hineingerät, aus dem er sich nicht befreien kann, das ist das eigentliche Thema des Romans. Vor Gericht wird nicht mehr erwähnt, dass er seinem Freund die Waffe abgenommen hat, um eine Dummheit zu verhindern. Dem Angeklagten wird vorsätzlicher Mord vorgeworfen. Notwehr wird nicht einmal in Erwägung gezogen, man hätte doch bedenken müssen, dass einer der Araber schon vorher seinen Freund mit dem Messer verletzt hatte. Stattdessen bewertet der Staatsanwalt das Verhalten Meursaults im Altersheim und in den Tagen danach.

Benjamin Voisin füllt diese Rolle des Meursault ganz vorzüglich aus. Die oben erwähnten Ergänzungen sind von François Ozon sehr behutsam eingefügt worden und es liegt nun an den Schülerinnen und Schülern zu beurteilen, inwieweit diese kleinen Änderungen und andere den ästhetischen Eindruck, den der Roman hinterlässt, tangieren oder nicht.

Ohne Zweifel ist es François Ozon gelungen, seine Zuschauerinnen und Zuschauer zu einer vertieften Beschäftigung mit dem Roman selbst zu verleiten. Sei es, um ihn jetzt zu lesen oder ihn wiederzulesen und dabei auch auf kleine Umstände zu achten… und dem Staatsanwalt zu widersprechen.

 

Heiner Wittmann