Mamadou wächst in einem Dorf in Guinea auf. Als sich die Situation seiner Familie verschlechtert, trifft er, als er nur 15 Jahre alt ist, eine schwierige Entscheidung: Er verlässt seine Heimat und macht sich allein auf den Weg nach Europa. Auf seiner Reise muss er zahlreiche Hindernisse überwinden und begegnet sowohl Menschen, die ihm helfen, als auch solchen, die seine Not ausnutzen. Auf seiner Reise entwickelt er schnell eine Taktik, um Grenzen zu überschreiten.
Man muss eine traurige Geschichte parat haben, niemals die Wahrheit zugeben, Wörter manipulieren wie die Musikerzähler („les griots“), die mit der Sprache spielen.
2019 macht Mamadou Sow die Bekanntschaft mit Azouz Begag, der ihm helfen wird, seine abenteuerliche Geschichte aufzuschreiben: „Je suis devenu son porte-plume,“ schreibt Begag.
Mit vielen Ausdrücken und Redewendungen, die Mamadou Sow nutzt, wird erkennbar, wie genau er sich an die einzelnen Etappen seiner Reise und die Begegnungen mit denen, die sich an den Migranten nur bereichern wollten und sie ohne Mitleid ausnahmen, erinnert. Wer die Bücher von Azouz Begag wie Tranches de vie kennt, spürt, dass hier doch ein anderer Stil erkennbar ist, auch eine andere Wortwahl, die nahelegt, wieviel von Mamadou Sows Erlebniswelt in Né pour partir steckt.
Das Buch beschreibt eindrucksvoll, welche Herausforderungen viele junge Migranten erleben. Es behandelt Themen wie Hoffnung, Mut, Freundschaft, Ungerechtigkeit und den Wunsch nach einem besseren Leben. Gleichzeitig zeigt es, wie wichtig Mitgefühl und Solidarität sind.
Mit Né pour partir erzählt Mamadou seine dreijährige Reise nach Frankreich. Er ist vielen begegnet, die seine missliche Lage ausgenutzt haben, um sich auf gemeine Art zu bereichern, er hat auch Glück gehabt und Menschen gefunden, die ihm in entscheidenden Momenten geholfen haben. Es lohnt sich, die Geschichte von Migranten aus deren Perspektive zur Kenntnis zu nehmen: Als er in Lyon in der Schule ist, wundert er sich, dass seine Schulkameraden keinen Begriff von Entfernungen oder gar anderen Gegenden haben, selbst das Mittelmeer sagt ihnen nichts: „Sie leben in einer Blase, als hätten sie keine Füße auf dem Boden.“ (S. 11) Statt Kontinente auf einem Blatt zu zeichnen, denken sie lieber an den Snack im Büdchen gegenüber der Schule. Sie meinen, er hätte viel Mut gehabt, um diese Reise zu unternehmen. Mamadou wollte aber lediglich seine Familie retten: „Man muss sich bewegen, um sich zu kultivieren, sich verbessern, um anderen zu helfen. Unwissenheit ist eine Sünde.“ (S. 31).
Und mit dem Wissen und den Erfahrungen, die er auf seiner Reise gewonnen hat, ist er später in Lyon seinen Klassenkameraden überlegen. Mamadous Geschichte ist spannend und emotional, ohne zu urteilen, und regt zum Nachdenken über Flucht, Migration und Menschlichkeit an.
Heiner Wittmann



