von Michaela Strobel
Lesefähigkeit ist eine entscheidende Grundlage für den schulischen Erfolg und die persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Dabei geht es nicht nur darum, das Lesen zu erlernen, sondern auch eine dauerhafte Lesemotivation aufzubauen. Vielen Kindern und Jugendlichen gelingt dies nicht ohne zusätzliche Unterstützung. Was früher im Elternhaus geleistet wurde, ist aus den unterschiedlichsten Gründen heute nicht immer möglich.
Lesepatinnen und Lesepaten spielen hierbei eine wichtige Rolle, indem sie Kinder individuell im Leselernprozess begleiten und durch gezielte Unterstützung Freude am Lesen vermitteln. Um solch ein Engagement aufzubauen und langfristig zu erhalten, ist es wichtig, geeignete Menschen zu gewinnen und zu binden.
Lesepaten-Projekte sind eine wichtige Säule zur Förderung der Lesekompetenz
Der Einsatz von Lesepatinnen und Lesepaten hat in Deutschland eine längere Tradition. Etablierte und jüngere Einrichtungen wie der Bundesverband MENTOR, der Stiftung Lesen und lokalen Initiativen wie LeseLeo e.V. in Hamburg https://www.leseleo.de oder der Verein Berliner Lesepaten engagieren sich im Umfeld der Leseförderung. Diese Projekte arbeiten eng mit Schulen und Bibliotheken zusammen und ermöglichen es Ehrenamtlichen, Kinder und Jugendliche individuell beim Lesenlernen zu unterstützen.
Ehrenamtliche und Leseförderung
Laut dem Deutschen Freiwilligensurvey (FWS 2024) engagieren sich 36,7 % der Deutschen ab 14 Jahren im Jahr 2024 freiwillig – das sind etwa 27 Millionen Menschen. Das Engagement bleibt hoch, liegt aber etwas unter dem Wert von 2019 (39,7 %). Besonders viele Jüngere engagieren sich, Frauen und Männer sind dabei gleich stark vertreten. Wie schon 2019 gibt es keinen signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern.
Was lässt sich aus diesen Ergebnissen für die ergänzende Leseförderung durch Ehrenamtliche schließen?
- Ehrenamtliches Engagement ist weiterhin verbreitet.
Wie gut. Weiter so.
- Viele jüngere Menschen engagieren sich.
Eine Problematik bei der Suche nach geeigneten Lesepatinnen und Lesepaten ist sicher im Zeitpunkt der Tätigkeit zu suchen, der in der Regel am Vormittag liegt. Bibliotheken bilden da die Ausnahme.
- Frauen und Männer sind, was das grundsätzliche Engagement angeht, gleich stark vertreten.
Dies verschiebt sich bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wohl eher in richtung der Frauen. Dabei wären gerade Lesepaten als Vorbilder und Motivation für Jungen, die andere Leseinteressen haben, bedeutsam.
Was macht das Ehrenamt im Kontext der Leseförderung so interessant?
Viele Menschen sind motiviert, sich in der Leseförderung zu engagieren, weil sie einen direkten, positiven Beitrag zur Bildung und Entwicklung von Kindern leisten möchten. Das Gefühl, eine sinnhafte Tätigkeit auszuüben, gebraucht zu werden und Kindern oder Jugendlichen den Zugang zu einer wichtigen Kompetenz zu erleichtern, wirkt als starker Antrieb. Auch die soziale Komponente – regelmäßiger Kontakt zu Kindern und Familien – ist für viele ein wichtiger Motivationsfaktor.
Das Ehrenamt der Lesepatenschaft hat weitreichende positive Effekte:
- Verbesserung der individuellen Lese- und Sprachkompetenz von Kindern und Jugendlichen
- Erhöhung von Bildungschancen und Verbesserung schulischer Leistungen
- Förderung von Selbstbewusstsein und Motivation zum Lesen
- Stärkung sozialer Kompetenzen durch generationsübergreifende Begegnungen
- Beitrag zu Chancengleichheit, Integration und gesellschaftlicher Teilhabe
- Aufbau eines stabilen Bildungsnetzwerks mit nachhaltiger Wirkung
Wege zur Gewinnung von Lesepatinnen und Lesepaten
Um Lesepatinnen und Lesepaten zu finden, bietet es sich an, verschiedene Kanäle zu nutzen. Viel zu wenig ist der Bedarf und die Möglichkeit, sich zu engagieren in der Öffentlichkeit präsent.
- Gezielte Ansprache:
Eltern oder Großeltern direkt ansprechen und ihr Interesse an einer Lesepatenschaft erfragen.
- Elternabende und schulische Veranstaltungen:
Informieren, den Bedarf skizzieren und für Mitarbeit werben.
- Aushänge und Flyer:
Über Aushänge an frequentierten lesenahen Orten wie Kita, Schule, Bibliotheken, Kita-Newsletter, an Hochschulen, insbesondere an Pädagogischen Hochschulen oder spezielle Flyer gezielt nach Lesepatinnen und – paten suchen.
- Kooperationen mit Vereinen und Initiativen:
Kontaktaufbau zu lokalen Vereinen oder Gruppen
- Nutzung von sozialen Medien wie Zeitung, Instagram,
Hierbei kann eine große Gruppe unterschiedlichsten Alters angesprochen werden
- Präsenz an Ehrenamtstagen
- Infostände bei Veranstaltungen wie Ausbildungsmessen oder didacta
- Nicht zuletzt durch Erfahrungsberichte von bereits engagierten Personen im privaten Umfeld oder auch über öffentliche Medien.
Babyboomer gezielt einbinden
Insbesondere die Generation der Babyboomer, die in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden, bieten ein großes Potenzial für das Engagement als Lesepatinnen und -patenen. Sie sind dabei, sich neu zu orientieren, verfügen in der Regel über Zeit und häufig auch über soziale Kompetenzen, die den Leselernprozess bereichern können. Um diese Generation gezielt einzubeziehen, ist es wichtig, ihre speziellen Bedürfnisse und Interessen zu berücksichtigen.
Flexibilität bei den Einsatzzeiten ist für viele Babyboomer wichtig, ebenso wie eine klare Vorstellung davon, was von ihnen erwartet wird. Ihre Lebenserfahrung und Geduld sind wertvolle Ressourcen, die gerade im Umgang mit Leseschwierigkeiten zum Tragen kommen können.
Wie läuft die Vermittlung ab?
Haben sich Menschen gefunden, die bereit sind, sich zu engagieren, sollten sie optimal in die Organisation eingebunden werden. Von Anfang an, können sie so Wertschätzung für ihre Arbeit erhalten und ein Zugehörigkeitsgefühl aufbauen, beides wichtige Punkte für eine längerfristige Bindung.
Die einzelnen Schritte variieren je nach Organisation, könnten aber wie folgt ablaufen:
- Anmeldung bei einer Organisation oder lokalen Initiative
- Erstgespräch und gegebenenfalls Hospitation vor Ort in Schule oder Bibliothek
- Organisatorische Zuordnung zu einer Einrichtung und individuellen Kindern oder kleinen Gruppen
- Wöchentliche feste Einsatzzeiten, meist 1-mal pro Woche mehrere Stunden
- Meist Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses verpflichtend
- Bereitstellung von Einführungsmaterialien und/oder fortlaufende Begleitung durch Ansprechpartner in Schulen, Bibliotheken und Organisationen
Längerfristige Bindung als Ziel
Um Lesepatinnen und Lesepaten langfristig zu binden, sollten sie im Vorfeld wissen, was auf sie zukommt, das Tätigkeitsfeld mit seinen Aufgaben, aber auch Problemen sollte im Vorfeld möglichst klar umrissen werden. Diese Transparenz ist nötig, um falsche Vorstellungen gerade zu rücken und nachhaltigem Engagement den Weg zu ebnen.
Hierbei helfen vor allem
- Erfahrungsberichte von bereits tätigen Lesepatinnen und -paten
- Hospitationen bei erfahrenen Ehrenamtlichen
- Kurze Videoclips
- Teilnahme an Treffen
Für Kinder und Jugendliche ist es von besonderer Bedeutung, eine langfristige Bindung aufbauen zu können. Häufig wechselnde Bezugspersonen wirken der Motivation entgegen. Diese wird vor allem durch Verbindlichkeit, Unterstützung und Wertschätzung gewährleistet.
Regelmäßige und verlässliche Terminabsprachen helfen Lesepaten, ihre Einsätze gut in ihren Alltag zu integrieren. Dies schafft Verlässlichkeit, die sowohl für die pädagogische Wirkung als auch für die Lesepatenbindung wichtig ist. Gleichzeitig sollte genügend Flexibilität bestehen, um Überforderung zu vermeiden.
Den Spagat zu schaffen zwischen Freiwilligkeit und Verbindlichkeit gehört wohl mit zu den größten Herausforderungen.
Bei einer nachhaltigen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, Aufgaben langfristig zu übernehmen. Bindung und Lernen am Modell sind hier entscheidende Erfolgsfaktoren.
Welche Lernziele sollten bei Fortbildungsveranstaltungen angestrebt werden?
Zur Einführung neuer Lesepatinnen und -paten, aber auch zu deren Begleitung sind wiederkehrende Fortbildungsformate sinnvoll. Dabei geht es darum, den Ehrenamtlichen Sicherheit bei ihrer Arbeit zu geben und den Leseförderprozess durch (meist) fachfremde Personen so effektiv wie möglich zu gestalten.
Ein gut aufgebautes Fortbildungsmodul sorgt für Kompetenzaufbau im sprachdidaktischen, kreativen und interkulturellen Bereich und stärkt das selbstbewusste und reflektierte Engagement der Lesepatinnen und – paten.
- Die Teilnehmerinnen können verschiedene, alters- und alltagsgerechte Bücher auswählen und wissen, wo sie Tipps dazu finden z.B. unter https://www.stiftunglesen.de/loslesen/lesetipps-und-aktionsideen
- Sie lernen Methoden zur Unterstützung im Leseprozess kennen wie Tandemlesen, Lautlesen oder dialogisches Lesen.
- Sie wissen um die enge Verbindung von Leseförderung und sprachlicher Förderung.
- Sie sind sensibilisiert für kulturelle Vielfalt.
Angebote und Unterstützung für Lesepaten
Wertschätzung ihrer Arbeit und das Gefühl, nicht allein gelassen zu werden, bei Problemen, die sicher auftreten werden, ist mit entscheidend für eine langfristige Bindung der Lesepatinnen und -paten.
Entscheidende Maßnahmen können dabei
- Regelmäßige Fortbildungen und Qualifizierungsangebote zur Verbesserung der Lesefördermethoden
- Austausch- und Netzwerkveranstaltungen zum Erfahrungsaustausch und zur Motivation
- Feedback zu den Leseerfolgen der Kinder und Jugendlichen, das das Engagement verstärkt und sichtbar macht
- Zugang zu Materialien, kostenfreien Bibliotheksausweisen und Leseempfehlungen sowie
- Versicherungsschutz während der Einsätze
sein.
Nachhaltige Leseförderung durch gesellschaftliches Engagement
Lesepatinnen und Lesepaten bilden eine unverzichtbare Säule in der Förderung von Lesekompetenz und Motivation bei Kindern und Jugendlichen, ergänzen familiäre Lücken und schaffen bleibende Freude am Lesen.
In der Gesellschaft gibt es viel Potential für diese Tätigkeit, doch muss der Bedarf auch langfristig über verschiedenste Kanäle mehr in die Öffentlichkeit gerückt werden, um geeignete Personen anzusprechen.



